Unser wundersamer Körperradar

Während meiner Ausbildung habe ich viel über das sogenannte Körperradar gehört und dass es bei Menschen unseres Kulturkreises häufig wenig ausgeprägt ist. Immer wenn davon die Rede war, ging bei mir der „Quatsch-alles-erfunden-Alarm“ an und meine Mentor:innen sagen gerne: „Glaub mir kein Wort bis du es überprüft hast!“ Naja und so ließ ich das Thema Körperradar lange gut verpackt in einer Schublade liegen, bis zu folgender Begebenheit.

 

Es ist Ende Mai, schönstes Wetter, die Vögel singen und die Insekten summen und brummen in der Nachmittagshitze. Ich  schleiche mit sechs Kids durch den Wald auf der Suche nach einer weiteren Gruppe von Kindern, die sich dort mit Sandra - der anderen Teamerin - irgendwo versteckt hält. Wir haben keine Ahnung, wo die anderen sind. Da fängt Hanna, acht Jahre alt, plötzlich zu weinen an.

Ich: „Oh, was hast du denn?“

Hanna: „Es kribbelt so!!!“

Ich verstehe gar nichts und frage: „Wieso kribbelt es denn, wo denn?“

Hanna: „Na dort, ganz dolle!“ Sie zeigt auf ihre rechte Körperhälfte.

Ich: „Bist du hingefallen, hast du dir weh getan?“

Hanna: „Nein, es ist wegen der anderen!“

Ich: „Wegen der anderen, ich verstehe nicht?“

Hanna: „Es krippelt hier (zeigt auf rechts), also sind sie dort (zeigt nach rechts in den Wald).“

Ich: „Du meinst es kribbelt dort, wo du die anderen vermutest!?“

Sie nickt schüchtern.

Ich: „Hast du was gesehen?"

Sie schüttelt den Kopf.

Ich: „Woher weißt du dann, dass die da sind?“

Hanna sehr entschlossen: „Es kribbelt einfach!“

Ich: „Ach so, alles klar, lass uns schnell verstecken!“

 

Meine Haare stellen sich auf und ich bekomme Gänsehaut. Wir ducken uns schnell in die Brombeeren weg, Hanna neben mir, jetzt aber sehr konzentriert und kämpferisch und wir beobachten das Gelände in der Richtung, in die sie zeigt. Es rührt sich für eine gefühlte Ewigkeit gar nichts im Wald, doch ich bemerke, dass es für Ende Mai und für die Randzone eines Mischwaldes viel zu leise ist. Dann sehen wir die ersten Köpfe neugierig und ungeduldig durch das satte Grün am Boden lugen, genau aus der Richtung in die Hanna gezeigt hatte. Ich kann es kaum glauben.

 

Hannas Köperradar hat bestens funktioniert, während ich mich nur auf meinen Verstand, meine Augen und Ohren verlassen habe.